Party, Sonne und die erste Reise ohne Eltern: Jugendreiseanbieter versprechen Jugendlichen Freiheit und Abenteuer – und Eltern Sicherheit. Doch immer wieder berichten Jugendliche im Netz von exzessivem Alkoholkonsum oder verdächtigen Substanzen in Getränken. Um den Vorwürfen nachzugehen, recherchierte „Team Wallraff“ undercover bei den drei größten kommerziellen Jugendreiseanbietern RUF, FUN/FIT und GO in Lloret de Mar und Malgrat de Mar. Wie gut schützen die Anbieter Minderjährige, wenn sie nachts durch Bars und Clubs ziehen? Sind die meist jungen Teamer auf Notfälle vorbereitet? Und welche Rolle spielt Alkohol in einem Geschäft, das von Partys und Ausflügen lebt? Die gesamte Recherche zeigt RTL heute, 30. September 2026, ab 20:15 Uhr sowie schon jetzt auf RTL+.
Bei allen drei Anbietern beobachten die Reporterinnen, wie Minderjährige trotz der spanischen Gesetzeslage Alkohol bekommen. Bei RUF kümmert sich Reporterin Sophia als „Night Guard“ um stark alkoholisierte Jugendliche. Besonders dramatisch ist der Fall eines jungen Mädchens, das nach einer Party kaum ansprechbar ins Hotel zurückgebracht wird. Etwa eine Stunde liegt sie in diesem Zustand auf einer Couch unten im Hotel, bevor sie von mehreren Personen in ihr Zimmer getragen wird. Auf dem Weg dorthin bricht sie mehrmals zusammen, außerdem sackt ihr Kopf immer wieder nach hinten. Weil die Teamer unsicher sind, ob sie medizinische Hilfe benötigt, kontaktieren sie ihre Vorgesetzte. Ein Rettungswagen wird am Ende nicht gerufen: Die Chefin äußert die Einschätzung, dieser werde wegen Alkoholisierung ohnehin nicht kommen. RUF äußert sich nicht zum Einzelfall, verweist aber auf „klare Handlungsvorgaben“ für medizinische Notfälle. Mitarbeitende seien „darin geschult, Gefahrensituationen zu erkennen und das vor Ort vorhandene medizinische System konsequent einzubinden“. Beim Umgang mit Alkohol gelten „in erster Linie die gesetzlichen Vorgaben des jeweiligen Reiselandes“. Von Praktiken, die diese Vorgaben umgingen oder die Sicherheit der Teilnehmenden gefährdeten, distanziere man sich ausdrücklich und gehe entsprechenden Hinweisen nach.
Bei einer FUN-Begrüßungsveranstaltung erlebt Reporterin Michelle, wie Partys und Ausflüge immer wieder mit Alkohol beworben werden. Bei einem Katamaran-Ausflug heißt es zwar, für Minderjährige gebe es nur Softdrinks – zugleich wird angedeutet, die Gäste seien „schlau“ und würden sich da auch manchmal was einfallen lassen. Eine Partynacht in Lloret de Mar wird mit besonders starken alkoholischen Mischungen angepriesen, die „anders schallern“ würden und Minderjährige bekommen den ausdrücklichen Hinweis, Alkohol beim Vortrinken im Hotel zu verstecken. FUN erklärt, Ausflüge und Aktivitäten könnten „im Rahmen der anzuwendenden Jugendschutzgesetze und Vorschriften“ auch Veranstaltungen mit speziellen Getränkeermäßigungen umfassen. FUN sei zudem verpflichtet, bei Infoveranstaltungen „ausdrücklich auf die Hausordnung der Hotels“ hinzuweisen, die Alkohol auf den Zimmern meistens verbiete.
Bei einer GO-Party sollen Armbänder kennzeichnen, wer Alkohol trinken darf. Dennoch sieht Reporterin Julia im Sanitätsraum der Großraumdiskothek mehrere stark alkoholisierte Jugendliche, darunter auch unter 16-Jährige. GO teilt auf Anfrage mit, detaillierte Fragen zu den Ereignissen aus der Saison 2025 ohne genauere Angaben nicht beantworten zu können. Grundsätzlich biete das Partyreisekonzept „mit den besten Standard in der Branche“.
Die Recherche wirft auch Fragen zur Vorbereitung der meist jungen Teamer auf. Vor ihrem Einsatz bestreiten sie teils nur mehrstündige Online-Schulungen. Reporterin Michelle muss wegen ihres kurzfristigen Einsatzes den obligatorischen Erste-Hilfe-Kurs nicht nachweisen, auch ihr Führungszeugnis liegt bei Arbeitsbeginn nicht vor – obwohl FUNS Untermarke FIT mit speziell geschulten Teamern für Reisen mit Gästen ab 14 Jahren wirbt. FUN erklärt, bei Teamern mit besonderen Vorerfahrungen könne in Einzelfällen auf eine mehrtägige Schulung verzichtet werden. Stehe eine Reise kurz bevor, könne dies einen begründeten Einzelfall darstellen und Unterlagen nachgereicht werden.
Die Reporterinnen erleben auch Teamer, die selbst Alkohol trinken, obwohl sie Jugendliche nachts begleiten und im Notfall helfen müssen. Eine FUN-Teamerin berichtet, sie habe trotz Alkoholkonsums einen Jugendlichen ins Krankenhaus gefahren, weil ihre Kollegen noch betrunkener gewesen seien. FUN erklärt hingegen, täglich würden mehrere Mitarbeitende eingeteilt, die keinen Alkohol tränken und nachts für Notfälle bereitstünden.
Brisant sind auch mehrere Verdachtsfälle auf K.-o.-Tropfen, denen nach Beobachtungen der Reporterinnen nicht nachgegangen wird. Eine 16-jährige RUF-Teilnehmerin berichtet von Erinnerungslücken und vermutet, dass ihr etwas ins Getränk geschüttet wurde. RUF erklärt, für den Verdacht auf K.-o.-Tropfen gebe es „klare Meldewege“: „Unsere Teamer:innen sind angehalten, solche Situationen unverzüglich an Mitarbeitende mit Entscheidungsbefugnis zu melden.“ Auch bei der von GO organisierten Party entsteht bei mehreren Mädchen der Verdacht auf K.-o.-Tropfen.
„Team Wallraff“ stößt auch auf Hinweise zu möglichen sexualisierten Übergriffen. In einem Fall erfährt Reporterin Sophia, dass eine 16-Jährige eine andere Minderjährige bei einer sexuellen Handlung gefilmt und das Video anderen gezeigt habe. Konsequenzen gibt es für das Mädchen offenbar keine. RUF äußert sich zum konkreten Fall nicht und erklärt, bestätigte Verstöße hätten Konsequenzen. Bei Minderjährigen würden grundsätzlich die Erziehungsberechtigten informiert und das weitere Vorgehen gemeinsam mit ihnen entschieden.
Für die Recherche spricht das Reporterteam zudem mit Experten sowie der Unabhängigen Bundesbeauftragten gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen, Kerstin Claus. Zu den Rechercheergebnissen sagt sie: „Das hat mit Jugendschutz logischerweise nichts zu tun. Hier muss man ganz klar sagen, Anbieter sind in der Verantwortung und stehen in der Haftung.“