Was hat dich an der Rolle des Eric Seeler gereizt? Was magst Du besonders an ihm?
“Ich glaube, dass sein Name Programm ist. Der Name Seeler war zunächst nur ein Platzhalter, aber das hat einfach so gut gepasst. Dieses Brennen und dieses Suchen nach Antworten für andere Menschen. Seeler ist jemand, der versucht, was er nicht selber machen kann, bei anderen richtig zu machen. Es ist ihm wichtig, dass er anderen die Möglichkeit gibt, etwas zu erleben oder wieder richtig zu stellen in ihrem Leben. Und Seeler ist wirklich ein sehr fokussierter Mensch, der versucht, seine eigene Vergangenheit zurückzudrängen, aber sich umso mehr auf die Gegenwart und die Menschen, die um ihn herum sind, konzentriert und dadurch den Fall beeinflusst.“
In dem Krimi spielst du einen ehemaligen Polizisten, der Streetworker ist und sich vor allem um junge Menschen kümmert. Kannst Du Dich in dem Charakter wiedererkennen, den Du spielst?
“Absolut. Wenn du eine Rolle angeboten bekommst oder eine Rolle entwickelst, guckst Du erst mal in deinem eigenen Köfferchen, was du an Zutaten hast, die du dir beibringen könntest für die Figur, und die du mit reinbringen kannst. Und bei Seeler ist es ganz klar diese Menschlichkeit, dass er trotz allem Zynismus, den er in sich hat und bestimmt auch eine Frustration, dass diese Liebe zu den Menschen ihn immer antreibt. Und dieses Hoffnungsprinzip ist für ihn ein innerer Motor. Und das ist bei mir genau dasselbe. Es gibt in der heutigen Zeit genug, über das man sich ärgern kann, über das man traurig sein kann, wovor man Angst haben muss. Aber es bringt nichts, wie das Kaninchen vor dem Raubvogel in Schockstarre zu verfallen, sondern Hoffnung und Bewegung sind das A und O, und das ist etwas, was ich absolut mit Seeler gemeinsam habe.“
In dem Film wirst Du von Deinem treuen Hund Gwena begleitet. Wie können wir uns die Zusammenarbeit mit einem Hund vorstellen?
“Das ist ein bisschen wie Sexszenen zu haben. Das hört sich immer super an, aber es ist wahnsinnig anstrengend. Da denkt sich jeder: Wow, da knistert es, aber das ist total unsexy. Wenn man mit Hunden dreht, sind diese sehr auf ihre Trainer fixiert. Und sie sind wahnsinnig fokussiert auf Leckerlies. Das heißt, du hast eigentlich keine Beziehung zu dem Tier, aber musst sie irgendwie herstellen. Und da komme ich wieder auf Liebesszenen zu sprechen. Das ist auch sehr technisch, aber trotzdem musst du es ja mit Leben füllen und das ist die Herausforderung bei sowas, dass es trotzdem so rüberkommt, als ob es echt ist und dass diese Beziehung da ist. Und so ein Hund ist einfach natürlich. Du weißt, du hast ohnehin keine Chance als Schauspieler, weil Kinder und Tiere ziehen immer bei den Zuschauern und sie haben immer so eine Natürlichkeit und eine entwaffnende Ehrlichkeit, dass du da immer wirklich gar nicht versuchen darfst, mitzuhalten, sondern du musst es einfach laufen lassen. Und wenn du nicht mit Hunden kannst, dann spürt man das sofort. Du musst versuchen dich mit diesem Tier auf eine Ebene zu begeben, damit es im Zusammenspiel funktioniert.“
Es ist also schwierig mit einem Hund zu drehen. Gibt es vielleicht eine witzige Anekdote von den Dreharbeiten?
“Wir haben zum Beispiel mit einem alten Auto gedreht, das nach Benzin roch. Das mögen Hunde gar nicht. Es gibt nichts Schlimmeres für sie, als in so einem Stinkeding zu bleiben und nicht rauszuspringen. Es gab ein paar Einstellungen, in denen Gwena im Auto sitzen bleiben soll, während Seeler irgendwelche Besorgungen oder ähnliches macht. Aber immer, wenn er weggeht, ist sie dann auch auf einmal weg. Und das passiert natürlich dann auch im Film. Dass sie nie dageblieben ist, wo sie wo sie sollte, sondern das Weite gesucht hat. Und das gibt dann immer so eine Situationskomik, die sich jetzt vielleicht gar nicht so vermittelt, aber wenn du dabei bist, ist es schon sehr lustig.“
Gibt es eine Lieblingsszene in dem Movie?
“Auf jeden Fall ist es das Zusammenspiel mit Friederike Linke, die meine Kollegin in dem Krimi spielt. Sie ist eine wunderbare Kollegin und Schauspielerin und mit ihr war jede Szene ein Vergnügen. Und wir sind echt ein super Team zusammen mit Özgür, der den Tarik spielt. Das ist ein sehr ungewöhnliches und aufregendes Ermittlertrio. Und deswegen waren diese Szenen schon immer toll, weil wir uns von Anfang an sehr gut verstanden und versucht haben, unsere Geheimnisse, die wir jeweils in den Figuren angelegt haben, möglichst gut zu platzieren. Wenn ich jetzt eine Szene raussuchen müsste, würde ich die nehmen: Es gibt eine sehr lange Szene, die einen entscheidenden Impact auf den Fall hat, in der Seeler in einer Fischzucht ist, und mit dem Fischzüchter Larsen spricht. Das ist eine lange, sehr psychologische Szene, die aber nicht langweilig ist. Oft ist es ja so, wenn man solche Verhörszenen hat, dann denkt man: So, jetzt reicht‘s. Jetzt sag doch mal, wer war es am Schluss? Das ist das Wichtige. Aber da ist es so, dass man an dem Schicksal dieses Mannes teilnimmt und für mich als Figur des Seelers auch so viel passiert ist, weil es in mir selber so viele Dinge angesprochen hat. Diese Szene habe ich sehr stark in Erinnerung, weil sie sehr intensiv war und sehr lang.“
Kannst du dich dann einfach in so was hineinversetzen oder brauchst du dann immer erst mal einen Moment?
“Den brauche ich schon. Also das kommt immer drauf an, ich bin jemand, ich brauche jetzt nicht irgendein Keyword, um in meine Figur hineinzufahren, sondern das ist ein Konzentrationsprozess. Man weiß dann mit der Zeit und mit der Erfahrung ganz genau, welche Szenen es sind, bei denen du mal deine Ruhe brauchst, wo du dich zurückziehst, wo du in dich gehst oder wo auch der Kollege diesen Support braucht. Bei mir ist es oft so, dass ich mir das schon am Tag, bevor ich zum Set komme, alles schon baue. Das heißt, ich bin so gut vorbereitet, dass ich genau weiß, in welchem Zustand ich wo sein muss und wie ich sein muss. Und das ist natürlich ein sehr langer Konzentrationszeitraum, den man dann hat. Aber ich habe das mittlerweile auch schon so gelernt, dass ich zwischendrin einfach gut loslassen kann. Und meistens ist es sogar besser, als wenn du dich die ganze Zeit so reinbeißt, wenn man so overpaced, wenn man irgendwas lösen muss, irgendein Problem hat, dann verbeißt man sich so darin und ist die ganze Zeit so angespannt. Und wenn es dann wirklich darauf ankommt, versagt man, weil man einfach nicht in der Lage ist, das irgendwie umzusetzen oder weil man zu viel Druck draufhat. Und deswegen versuche ich das natürlich immer ein bisschen zu dosieren. Mal wieder den Druck runterzunehmen, anstatt immer nur auf Spannung zu gehen. Dann reißt das Seil irgendwann.“
Du hast schon deine Partnerin angesprochen, die mit dir zusammengedreht hat: Friederike Linke. Kanntest du sie schon davor? Hast du mit ihr schon mal was gedreht oder hat es einfach direkt Klick gemacht?
“Ja, ich habe tatsächlich schon mal mit Rike gedreht. Sie war mal bei den Bergrettern bei einem Fall und schon da war ich sehr angetan von ihr, von ihrem Spiel und ihrer Persönlichkeit. Und deswegen hat es überhaupt nicht lange gedauert, bis wir uns gefunden und adaptiert haben. Ich glaube, jedes Format lebt von der Dynamik und vom Zwischenspiel der Hauptfiguren. Gerade wenn man ein neues Format entwickelt, ist das einer der wichtigsten Posten. Dann hat der Zuschauer Lust, weiter an dem Leben dieser Protagonisten und Protagonistinnen teilzuhaben. Und das ist bei unserer Kombination absolut gegeben und man spürt einerseits das Knistern, aber auch die Probleme, die die Figuren untereinander und miteinander haben. Und da ist noch so ein großer Kosmos zu entdecken. Und ich hoffe, dass wir diese Neugierde bei der Ausstrahlung am 20. Januar dann bei den Zuschauerinnen und Zuschauern geschürt haben.“
Wie würdest du die Beziehung zwischen Eric Seeler und Hannah Vogt beschreiben?
“Da prallen Welten aufeinander. Da ist zum einen Hannah, die wahnsinnig korrekt ist, die sehr strukturiert, aber auch ein Stück weit in ihrer Geschichte gefangen ist. Das ist die Gemeinsamkeit zwischen allen Figuren, das Gefangensein in ihren Biografien. Hannah hat ein klares Schema, während Seeler eher jemand ist, der ganz klar instinktgesteuert ist, der Sachen spürt, Situationen erahnt oder voraussehen kann und sich festbeißt, dann also auch eher auf unorthodoxe Art und Weise und der auch absolut bereit ist, über Grenzen hinweg zu gehen, um irgendwelche Fälle zu lösen oder um den Verdacht zu entkräftigen. Seeler ist auf jeden Fall sehr impulsiv, was das angeht, und trotzdem ist er genauso wie Hannah und da glaube ich unterscheiden sie sich nicht, sie sind beide sehr stark in ihrer Emotionalität gefangen und eigentlich nicht in der Lage wirklich da aus sich herauszubrechen und müssen das über andere Wege dann kompensieren.“
Hast Du eigentlich Krimiserien geschaut, um dich auf den Dreh vorzubereiten?
“Ehrlich gesagt nicht. Ich gucke Krimis auf jeden Fall und finde das Genre einfach faszinierend. Aber in allererster Linie versuche ich gar nicht das Genre zu sehen, sondern ich versuche das zu sehen, was im Drehbuch steht und wie das Drehbuch und wie die Charaktere gebaut sind. Wie ist die Konstellation der Beziehungen der Figuren untereinander? Wie gehst du psychologisch an so eine Figur ran? Was die Menschen wirklich fasziniert ist, wenn sie sehen, was in diesem Menschen vorgeht. Und wenn das nicht nur ein Abziehbild von einem Polizisten ist. Oder es ab Minute 22 explodieren muss und ab Minute 87 der Täter gefangen sein muss. Ich finde die Psychologie der Menschen untereinander so wichtig.“
Es ist sehr interessant, dass du sagst, dass du selbst eigentlich gar keine Krimis schaust. Was hat dich dann trotzdem dazu bewegt, Schauspieler in einem Krimi zu sein?
“Ich mag das Genre sehr gerne. Ich komme nur gerade wenig dazu, irgendwas zu gucken, aber ich finde, bei Krimis hast du die Möglichkeit, sehr schnell die emotionalen Abgründe der Menschen kennenzulernen. Das ist eine Stärke bei unserem Film, dass wir einerseits die Menschen ernst nehmen, aber trotzdem nicht so düster und dunkel sind. Ich will auch wissen, wer es am Schluss war. Ich bin auch jemand, dem daran gelegen ist, dass das Gute über das Böse siegt. Ich glaube, dass das eine Grundsehnsucht der Menschen ist, dass am Schluss das Gute siegt und dass es immer Hoffnung gibt. Ich glaube, dass das etwas zutiefst Menschliches ist. Und gerade obwohl es sich so paradox anhört, wo doch so viele schlimme Sachen passieren, warum soll man sich dann noch was Schlimmes angucken? Gerade im Krimi möchte man sehen, dass man Probleme anpacken und lösen kann. Und dann geht es eben auch um die Art und Weise, wie man das macht. Und dadurch unterscheiden wir uns von anderen Krimi-Formaten.“
Die Dreharbeiten fanden zum Großteil im Norden Deutschlands statt, genauer gesagt in Lübeck. Hast du persönlich eine Beziehung zu der Stadt?
“Ich liebe die Buddenbrooks von Thomas Mann. Dieser Roman ist wirklich toll. Ich war mal im Kindertheater da und ich war zwei oder drei Mal vorher in Lübeck. Ich finde solche Hansestädte einfach wahnsinnig schön. Ich finde die Gegend unglaublich schön. Norddeutschland hat eine ganz eigene Atmosphäre. Dieses Herbe, was es da gibt und diese Schönheit, dieses Licht, das du einfach hast, je weiter man in den Norden kommt. Deswegen war das für mich total schön, Lübeck auch von einer anderen Seite zu sehen, weil man ja gerade bei einem Krimi nicht unbedingt an Lübeck denkt. Aber Lübeck hat ganz viele verschiedene Facetten und Seiten und das macht es auch so schillernd und so bunt und auch so interessant, weil man die Stadt auf eine Art kennenlernt, wie man sie noch nicht gesehen hat. Und Lübeck hat auch eine ganz eigene Mystik. Also ich finde, das schreit nach vielen verschiedenen Geschichten. Egal ob es irgendwelche Thriller sind oder ob es ein Serienmörder ist, ob es etwas mit Wasser zu tun hat. Es gibt so viel Raum dafür.“
Zum Schluss noch eine Frage: Warum sollten die Zuschauer am 20. Januar um 20:15 Uhr einschalten?
“Weil wir mit Einsatz Seeler ein Format geformt und gefunden haben, das nicht nur einen Krimi beinhaltet, sondern eben auch eine ganz starke emotionale Geschichte. Man nimmt an dem Schicksal der Menschen teil, und zwar an jedem Einzelnen, egal, ob das die Ermittler sind und die Ermittlerinnen, oder ob das die die Täterinnen und Täter oder die Opfer sind. Man ist immer nah bei den Menschen und das entwickelt eine ganz wunderbare eigene Emotionalität und die packt einen und zieht einen aber trotzdem nicht mit in den Abgrund, sondern man hat Hoffnung am Schluss und denkt sich: Boah, den will ich noch mal sehen, oder da will ich noch mehr von sehen.“